Zip, an ist der Fernseher. "It's too silent", sagte Diana, die Mitbewohnerin von Lena, die ich gerade in Naantali besuche. Ich verstehe es nicht ganz, jedenfalls scheint Diana gerne einfach so den Fernseher laufen zu lassen - unabhängig davon, welches Programm gerade läuft und auch, wenn sie selbst mit Kopfhörer auf den Ohren am PC ein Video anschaut oder per Skype telefoniert. Für mich, der die letzten zwei Jahre dieses Gerät nur ausgewählt benutzt hat, wirken die Inhalte teils bizarr. Da jagen ausgewachsene Männer ein Stinktier, Mineralwasser wird in epischen Bildern eines Vulkanausbruchs beworben oder die gute alte Gewalt springt zum Abendessen mit blutigen Messern ins Wohnzimmer.
Freundin Lena bräuchte den Fernseher nicht, sie liest sehr gern und informiert sich übers Weltgeschehen im Internet. Aktuell ist z. B. gerade die Katastrophe des lecken Ölrohres.
Und heute saß ich mit dem Buch auf der Couch, links von mir fing nach American Idol die heitere Stinktierjagd an zu flimmern, rechts blutete die Natur mit ernsthaften Folgen für das Ökosystem aus allen Rohren. Ich bekam eine Gänstehaut. Schaut sich die Welt gerade das Stinktierrennen und Castingshowschicksale an, während eine Umweltkatastrophe Teile des Meereslebens zerstört? Ich musste einfach raus - aus der Situation und an die frische Luft.

Beim folgenden langen Spaziergang in den waldigen Gebieten konnte ich meine Gedanken einigermaßen ordnen.
Es geht mir nicht um die speziellen Fälle der Stinktieraction und des lecken Ölrohrs. Eher darum, wie sehr sich die Menschen Themen zum Gemeinwohl, insbesondere des Umweltschutzes widmen. Viele scheinen die Themen in der Ablenkung, die der Alltag bietet, zu vergessen.
Ich hab bemerkt, dass ich mich in den letzten Tagen von einigen Menschen in banalen Situationen genervt fühlte. Die Fahrer der lauten Motorengeräusche in der Nähe vom Strand, wo ich in Ruhe mein Buch lesen will. Die verwöhnt wirkenden Urlauber im Luxushotel. Die Einkäufer im Supermarkt, die die billigsten Eier kaufen, die größten Konzerne unterstützen und schon während des Einkaufs einiges an Plastiktüten-Müll produzieren. Und vielleicht kam nun auch noch der Überfluss der Fernsehbilder hinzu.
Derweil steh ich nicht gerade darauf, negative Gefühle anderen Menschen gegenüber zu entwickeln (ihr kennt mich harmoniebedürftigen Mensch ja). Wir sind alle Individuen. Und ich denke, wir tun alles aufgrund unserer jeweils eigenen Lebensgeschichte und -erfahrungen: Jeder einzelne Mensch tut nur das, was er als logisch und als richtig empfindet.
Viele meinen zum Beispiel, dass viel Geld zu haben äußerst positiv ist. Also warum sollte es für diese Menschen etwa erstrebenswert sein, teurere Bioeier kaufen, von denen man auch nicht satter wird? Warum sollte man aufs spaßige Spazierenfahren mit dem Moped verzichten, solange man es sich leisten kann? Warum sollte es jemanden interessieren, woher das Zinsgeld von der Bank kommt, solange der Zinssatz ordentlich hoch ist?
Den Leuten muss das Bewusstsein für diese Themen fehlen oder der Wille, entsprechend zu handeln. In Wirklichkeit fühle ich mich wohl weniger von den Menschen als von der Tatsache genervt, dass Ihnen offensichtlich der Wert fehlt - für die Dinge und Themen, die mir selbst wichtig sind.

Was will ich also tun? Mich nervt das mangelnde Bewusstsein für wichtige gemeinschaftliche Themen. Und ich will die Menschen als Individuen akzeptieren und wertschätzen.
Ich kann auf jeden Fall versuchen, so einzuwirken, dass die Menschen selbst entscheiden können, ob sie meine Umwelt- und Sozialthemen auch in ihr Leben integrieren wollen, ob sie z. B. auch an fleischarmer Ernährung Geschmack finden oder es für sie in Frage kommt, für ein gutes Gewissen auf etwas Bankzins verzichten zu können.
Wie das konkret aussehen könnte, auch dazu bietet mir die kleine Situation Inspiration. Reizend wär's übertrieben und Aufmerksamkeitsfordernd wie im Werbespot. "Neger, arbeite schneller! Ich will billigere Schokolade!" könnte ich in der Kemptener Fußgängerzone mit Peitsche in der Hand zu einem arbeitenden Mitspieler schreien. Auf den minimalen Anteil und den großen Gewinn fair gehandelten Kakaos könnte damit aufmerksam gemacht werden.
Charmant ist sicherlich aber auch direktes und persönliches Einwirken: „Wissen Sie eigentlich, warum diese Schokolade hier viel cooler ist...?"
